Arm statt reich: Die Polittalks der aktuellen Woche

Vorbemerkung: Dies ist der Versuch meines ersten Blog-Eintrags. Ich hoffe, dass noch viele folgen werden und freue mich über jegliches Feedback (s. Kommentarfunktion). Anlässe für solche Blog-Beiträge sind bei mir für gewöhnlich Ereignisse in Sport, Medien (Fernsehen, Film) und Politik und alles, was damit zusammenhängt (nicht, dass die drei Bereiche nicht auch sehr viele Gemeinsamkeiten haben). Thema dieses ersten Eintrags sind die aktuellen Polittalks von ARD und ZDF.

Nachdem der Sportsommer mit der EM und Olympia vorbei ist, erwachen die Polittalks aus ihrem (Sommer-)Schlaf. Jauch, Maischberger und Illner sind seit dieser Woche wieder auf Sendung, Anne Will lässt noch 2 Wochen auf sich warten, während Plaßberg-Fans  sich gar noch bis zum 24. September gedulden müssen.

Für kreative Themenfindungen war jedoch in der Sommerpause offenbar keine Zeit: In allen drei Sendungen dieser Woche ging es im Kern um die Debatte “Arm gegen Reich” (oder: Umverteilung, Reichensteuer, Vermögensabgabe etc.). Den Anfang machte am Sonntag Günther Jauch mit “Her mit euren Millionen – drücken sich die Reichen?”, zwei Tage später ging es bei Sandra Maischberger um das Thema “Der Millionär hat’s schwer: Reiche, zur Kasse bitte!”, am Donnerstag schließlich wurde bei Maybrit Illner unter dem Titel “Arm gegen Reich, Nord gegen Süd – wer zahlt den Preis für die Krise? diskutiert.

Die Ähnlichkeit – nein, Gleichheit – der Themen ist nicht nur bereits in den Titeln offensichtlich, sie gibt auch den Kritikern Recht, welche schon länger die aktuelle Fülle an Polittalks bemängeln. So hat beispielsweise Spiegel Online schon vor über zwei Jahren den “Talkshow-Dauerbeschuss” befürchtet, kurz bevor Jauch überhaupt auf Sendung ging (sein Wechsel zur ARD stand da bereits fest). Besonders vor dem Hintergrund der geplanten GEZ-Reform, bei der jeder Haushalt ab 2013 eine pauschale Abgabe zahlen soll, ist die Redundanz der Polittalks ärgerlich. Speziell im Fall von Günther Jauch sind enormen Ausgaben der ARD aufgefallen; eine Sendung “Günther Jauch” kostet etwa 270.000 € [1].

Nicht nur die Themen der drei Talkshows glichen sich, auch die Gäste wirkten beliebig austauschbar und wurden vor allem nach dem Prinzip “Arm gegen Reich” gesetzt. Beispiel Maischberger: Sahra Wagenknecht (LINKE), Johannes Ponader (Piraten) und Ulrich Schneider (Paritätischer Gesamtverband) gegen Dirk Roßmann (ja, die Drogerie-Kette), Millionärin Claudia Obert und Schweizer Weltwoche-Chefredaktuer Roger Köppel. Ein Schweizer (der Botschafter Tim Guldimann) fehlte auch nicht bei Jauch, während die FDP außer bei Jauch (Pseudo-Schweizer Kubicki) auch bei Illner (Christian Lindner) auftrat.

Speziell an Claudia Obert – die es gar schafft, die Begriffe “Sperma” und “blasen” in einem Satz unterzubringen, ohne vom Thema abzuschweifen (und ohne jegliche Reaktion der anderen Gesprächsteilnehmer) – zeigt sich wunderbar, warum “die Reichen” meist so verhasst sind. Claudia Obert ist so etwas wie das fleischgewordene Klischee der verwöhnten reichen Ziege, die mit unerträglich nasaler Sprache einen Kalenderspruch nach dem anderen vorträgt (Tiefpunkt: “Ich glaube sowieso nicht, dass es in Deutschland Arbeitslose gibt. Es gibt nur Arbeitsscheue”). Der Auftritt bei Maischberger war übrigens bei weitem nicht der erste Fernsehauftritt von Obert, die unter anderem schon bei Das perfekte Promi Dinner und in einer Spiegel TV Doku zu sehen war. Sie wirkt beinahe wie ein fiktionales Element unter den Maischberger-Gästen, wie eine überzeichnete Filmfigur im falschen Modus (dies zeigt sich auch anhand der Reaktionen im Studio, wenn die Regie bei Oberts Geschwafel auf die Gesichter der anderen Gäste schneidet).

Vor allem Zahlen konnte man diese Woche durch Wiederholung lernen, weil sie sich die Gäste um die Ohren hauen. Die reichsten zehn Prozent der deutschen Bevölkerung besitzt fast zwei Drittel des Nettovermögens in Deutschland, während das reichste eine Prozent etwa 25 Prozent der gesamten Lohn- und Einkommenssteuer zahlt[2]. Vor allem solche Zahlen werden in allen drei Sendungen jeweils zum Anlass für lautes Durcheinanderreden. Letztlich bleibt es auch dabei, denn wie so oft wurden in allen Sendungen Probleme lautstark diskutiert, Lösungen jedoch kaum angeboten.

Abschließend ein persönlicher Kommentar zum eigentlichen Thema der Umverteilung und Neiddebatte. Ich gönne jedem, der aus eigener Kraft beispielsweise ein erfolgreiches (Klein-)Unternehmen aufgebaut hat, seinen Reichtum, auch wenn dazu manchmal etwas Glück oder eine Finanzhilfe nötig sind, über die nicht jeder verfügen kann. Dennoch gehören dazu viel Arbeit, Risiko und Frust, bis man von Erfolg sprechen kann. Wenn jedoch Bankenbosse und Manager noch Boni einstreichen, nachdem sie ihr Unternehmen (=die Bank) in den beinahen Bankrott gewirtschaftet haben und durch Steuergelder gerettet wurden, kann ich das nicht mehr nachvollziehen. Für mich ist es schon schwierig zu verstehen, warum es Jobs mit einem Monatseinkommen von mehr als 10.000 € gibt. Welche Arbeit ist denn zehn, 20 oder 30 mal so viel Wert wie die der (so of zitierten) Krankenschwester? Es bekommen nicht diejenigen am meisten Geld, die das meiste leisten, sondern diejenigen, die möglichst dreist darum verhandeln. Mir mögen die ökonomischen Grundkenntnisse fehlen, aber mir ist klar, dass ökonomisch nicht möglich ist, dass alle in Deutschland viel verdienen können. Wenn wir Hungerlöhne abschaffen wollen, dann kann dies nur durch eine Art Lohnausgleich passieren. Kein Job ist so viel wert, dass man 40.000 € im Monat verdienen muss, wenn dadurch andere von ihrem Job nicht einmal die Lebenserhaltungskosten zahlen können.

Footnotes    (↵ returns to text)
  1. s. Welt Online. Die Kosten für eine Sendung “Anne Will” (240.000 €) oder “hart aber fair” (220.000 €) sind jedoch kaum geringer.
  2. s. z. B. Zeit Online